Flora, Zephir und Schillers Würde der Frauen
Das obrige Bild wurde im Jahre 1875 von William-Adolphe Bouguereau gemalt (beſſere Qualität auf Wikipedia Commons) – und ich kann einfach nicht den Gedanken abſchütteln, das dieſer Franzoſe ein abſolut glühender Verehrer von Friedrich Schillers Gedicht »Würde der Frauen« geweſen ſein muſs:
Ehret die Frauen! Sie flechten und weben
Himmliſche Roſen ins irdiſche Leben,
Flechten der Liebe beglückendes Band.
Sicher in ihren bewahrenden Händen
Ruht, was die Männer mit Leichtſinn verſchwenden,
Ruhet der Menſchheit geheiligtes Pfand.Ewig aus der Wahrheit Schranken
Schweift des Mannes wilde Kraft,
Und die irren Tritte wanken
Auf dem Meer der Leidenſchaft.
Gierig greift er in die Ferne,
Nimmer wird ſein Herz geſtillt,
Raſtlos durch entlegne Sterne
Jagt er ſeines Traumes Bild. Aber mit zauberiſch feſſelndem Blicke
Winken die Frauen den Flüchtling zurücke,
Warnend zurück in der Gegenwart Spur.
In der Mutter beſcheidener Hütte
Sind ſie geblieben mit ſchamhafter Sitte,
Treue Töchter der frommen Natur.Feindlich iſt des Mannes Streben,
Mit zermalmender Gewalt
Geht der Wilde durch das Leben,
Ohne Raſt und Aufenthalt.
Was er ſchuf, zerſtört er wieder,
Nimmer ruht der Wünſche Streit,
Nimmer, wie das Haupt der Hyder
Ewig fällt und ſich erneut.Aber zufrieden mit ſtillerem Ruhme,
Brechen die Frauen des Augenblicks Blume,
Pflegen ſie ſorgſam mit liebendem Fleiß,
Freier in ihrem gebundenen Wirken
Reicher, als er in des Denkens Bezirken.
Und in der Dichtung unendlichem Kreis. Seines Willens Herrſcherſiegel
Drückt der Mann auf die Natur,
In der Welt verfälſchtem Spiegel
Sieht er Seinen Schatten nur,
Offen liegen ihm die Schätze
Der Vernunft, der Phantaſie,
Nur das Bild auf ſeinem Netze,
Nur das Nahe kennt er nie. Aber die Bilder, die ungewiß wanken
Dort auf der Flut der bewegten Gedanken,
In des Mannes verdüſtertem Blick,
Klar und getreu in dem ſanfteren Weibe
Zeigt ſie der Seele krystallene Scheibe
Wirft ſie der ruhige Spiegel zurück.Immer widerſtrebend, immer
Schaffend, kennt des Mannes Herz
Des Empfangens Wonne nimmer,
Nicht den ſüßgetheilten Schmerz,
Kennet nicht den Tauſch der Seelen,
Nicht der Thränen ſanfte Luſt,
Selbſt des Lebens Kämpfe ſtählen
Feſter ſeine feſte Bruſt. Aber wie, leiſe vom Zephyr erſchüttert,
Schnell die Aoliſche Harfe erzittert,
Alſo die fühlende Seele der Frau.
Zärtlich geänſtigt vom Bilde der Qualen,
Wallet der liebende Buſen, es ſtrahlen
Perlend die Augen von himmliſchen Thau In der Männer Heerſchgebiete
Gilt der Stärke ſtürmiſch Recht,
Mit dem Schwerdt beweiſt der Scythe,
Und der Perſer wird zum Knecht.
Es befehden ſich im Grimme
Die Begierden – wild und roh!
Und der Eris rauhe Stimme
Waltet, wo die Charis floh.Aber mit ſanftüberredender Bitte
Führen die Frauen den Zepter der Sitte,
Löſchen die Zwietracht, die tobend entglüht,
Lehren die Kräfte, die feindlich ſich haſſen,
Sich in der lieblichen Form zu umfaſſen,
Und vereinen, was ewig ſich flieht. Seiner Menſchlickeit vergeſſen,
Wagt des Mannes eitler Wahn
Mit Dämonen ſich zu meſſen,
Denen nie Begierden nahn.
Stolz verſchmäht er das Geleite
Leiſe warnender Natur,
Schwingt ſich in des Himmels Weite,
Und verliert der Erde Spur. Aber auf treuerem Pfad der Gefühle
Wandelt die Frau zu dem göttlichen Ziele,
Das ſie ſtill, doch gewiſſer erringt,
Strebt, auf der Schönheit geflügeltem Wagen
Zu den Sternen die Menſchheit zu tragen,
Die der Mann nur ertödtend bezwingt.Auf des Mannes Stirne thronet
Hoch als Königinn die Pflicht,
Doch die Herrſchende verſchonet
Grauſam das Beherrſchte nicht.
Des Gedankens Sieg entehret
Der Gefühle Widerſtreit,
Nur der ewge Kampf gewähret
Für des Sieges Ewigkeit.Aber für Ewigkeiten entſchieden
Iſt in dem Weibe der Leidenſchaft Frieden;
Der Nothwendigkeit heilige Macht
Hütet der Züchtigkeit köſtliche Blüthe,
Hütet im Buſen des Weibes die Güte,
Die der Wille nur treulos bewachtAus der Unſchuld Schooß geriſſen
Klimmt zum Ideal der Mann
Durch ein ewig ſtreitend Wiſſen,
Wo ſein Herz nicht ruhen kann,
Schwankt mit ungewiſſem Schritte,
Zwiſchen Glück und Recht getheilt,
Und verliert die ſchöne Mitte,
Wo die Menſchheit fröhlich weilt.Aber in kindlich unſchuldiger Hülle
Birgt ſich der hohe geläuterte Wille
In des Weibes verklärter Gestalt.
Aus der bezaubernden Einfalt der Züge
Leuchtet der Menschheit Vollendung und Wiege,
Herrſchet des Kindes, des Engels Gewalt.
Dieſe Textfaſſung folgt dem »Musen-Almanach für das Jahr 1796« (Quelle: Wikiſource, was auch die etwas ›altherthümliche‹ Orthographie erklärt) und iſt etwas weniger bekannt als die ſpätere und kürzere Faſſung aus dem Jahre 1800. Und es muſs wohl nicht extra erwähnt werden, daſs dieſes Gedicht ziemlich häufig parodiert wurde; am bekannteſten dürfte wohl die »Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe«-Variante ſein.

